Mittwoch, 25. Januar 2012

Vortrag zum XII. Szenografie-Kolloquium der DASA 2012 in Dortmund


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Vortrag im Rahmen des SZENOGRAFIE-KOLLOQUIUMS der DASA in Dortmund 2012

'ZWISCHENRÄUME - Wandel und Übergang'

http://www.dasa-dortmund.de/fachbesucher/aktuelle-publikationen/#c3328






Zwischenräume: 
Die verborgenen Schauplätze der Wirklichkeit
'zwischenräumlich' denken und (er)leben

von
   Maria Reinecke





Teil I 

(gekürzte Fassung)

 

Zwischenräume: Spalten, Ritzen, Lücken, Löcher, Poren, Zwischenräume überall; sie sind da, ohne eigentlich etwas zu sein; sie befinden sich zwischen den Dingen, liegen angrenzend, verbindend zwischen Festem, Greifbarem, Sichtbarem, Messbarem, doch sie selber sind flüchtig, vage, unsichtbar, undefiniert, leer, leere Räume, weiter nichts. Es geht also um nichts? Ist die Beschäftigung mit Zwischenräumen ein ähnlich absurdes Unterfangen, wie Christian Morgenstern es in seinem humorigen Lattenzaun-Gedicht beschreibt; wie das jenes Architekten, der aus dem Lattenzaun die Zwischenräume herausnimmt, um aus ihnen ein großes Haus zu bauen?


"Was macht ein Rad eigentlich zum Rad?", fragt der legendäre Laotse, und er stellt fest: es sind   die leeren Räume zwischen den Speichen, die  das Rad wesentlich ausmachen. So gesehen, gewinnen selbst die Zwischenräume im Lattenzaun eine gewisse Bedeutung: wird dieser doch auch erst durch die leeren Räume zwischen den Latten zu dem, was er ist.   

Bleiben wir bei dem Bild: Zwischenräume herausnehmen. Der moderne Physiker stellt  eine ähnlich absurd anmutende Arbeitshypothese auf, indem er zu bedenken gibt, was wohl passieren würde, wenn wir aus unserem Planeten alle Zwischenräume herausnähmen: es bliebe nur ein kleiner ultrakompakter Masseklumpen zurück, etwa so groß wie ein Golfball, der jedoch dieselbe Masse hätte wie die ganze Erde zuvor in Großformat. Uns selber würde es nicht viel besser ergehen, denn wir bestehen zu 99,9 % aus leeren Räumen; nähme man alle Zwischenräume aus uns heraus, würden wir im Nanometerbereich verschwinden.
Gemeint sind hier die 'leeren' Räume in den atomaren Strukturen; und wieder sind es die 'leeren' Räume, diesmal  zwischen Atomkern und Elektronenhülle, die die Atome erst zu dem machen, was sie sind. Ein einfaches Wasserstoffatom z.B. 'besteht' (wohlgemerkt: nicht im Sinne mechanistischer Zerlegbarkeit!) aus einem Kern mit einem positiv geladenen Teilchen, dem Proton, das die Masse des Atoms ausmacht, und einem negativ geladenen Teilchen, dem  Elektron, das wie eine Ladungswolke um den Kern herum rast. Um die Dimensionen in einem Atom zu veranschaulichen, vergrößern wir den Atomkern gedanklich 1billionenfach auf die Größe eines Stecknadelkopfes: dann hätte das Atom die Ausdehnung eines Fußballplatzes, und  der ganze Raum zwischen dem Kern und der Elektronenhülle wäre 'leer'. Wobei leer nicht nichts ist: elektromagnetische Kräfte und die starke und schwache Kernkraft sorgen heftigst dafür, dass das atomare Gefüge nicht kollabiert, die subatomaren Teilchen ineinander umgewandelt werden können und das Vakuum zwischen Kern und Elektronenhülle erhalten und elektrisch neutral bleibt. Ohne diese physikalischen Grundkräfte, zu denen auch die Gravitation gehört, würden die atomaren Strukturen  der Erde  tatsächlich in sich zusammenfallen, und es blieben nur die Atomkerne zurück, also reine Masse, ein Klumpen so groß wie ein Golfball.

Kein Zweifel: Die Zwischenräume und was in ihnen und um sie herum geschieht sind von grundlegender Wichtigkeit und Voraussetzung für alles Bestehende. Ohne sie gäbe es keinerlei Aktivität,  kein Werden, kein Wachsen, keine Bewegung, kein Leben. Es gäbe uns nicht, die Natur nicht, die Welt nicht, das Universum nicht, denn auch das besteht zu 75 % aus leerem Raum, wobei  auch hier leer nicht einfach nichts ist: Gravitationsfelder, elektromagnetische Felder und Wellen, Energieströme  unaufhörlicher Aktivität durchziehen das All.





Mollie Hosmer-Dillard  http://www.molliehd.com/  
               Collecting Burdock and Vetiver oder Im Werden, 2009 Öl auf Leinwand 80 x 100 cm*


Die modernen interdisziplinären Wissenschaften zeigen uns insgesamt eine im Innersten durch und durch poröse, filigranst miteinander verbundene, in ständiger Bewegung und Veränderung befindliche Welt und  verweisen auf  einen umfassenden interaktiven Wirkzusammenhang; auf ein grenzenloses, wechselseitig sich bewirkendes Energie-Beziehungsgeflecht, in dem kein Ding, kein Geschehnis allein-isoliert,  ohne Rückwirkung auf das Ganze daherkommt.

(Einst wurden das „ewige“ Eis in der Antarktis und  das „ewige“ Gebirgsgestein als tote Materie abgetan; heute wissen wir, dass im Innern scheinbar unveränderlicher Materie höchst beunruhigende Prozesse ablaufen, sichtbar und unsichtbar, in und zwischen kleinsten Zellstrukturen bis in die molekularen und atomaren Bereiche  hinein, mit unabsehbaren Folgen und Auswirkungen auf die ganze Erde...)

Der englische Mathematiker, Naturwissenschaftler und Philosoph Alfred N. Whitehead (1861-1947), der durch seine naturwissenschaftlichen Arbeiten zum Philosophen wurde,  hat die Wirkzusammenhänge zwischen anorganischen, organischen und im weitesten Sinne biologischen Strukturen als solche gesehen und sie als einen umfassenden dynamischen, organismischen Prozess der Wirklichkeit interpretiert. Whitehead ist der erste, der die leeren Räume in lebenden Strukturen als Zwischenräume (interstices) bezeichnet und ihnen eine grundlegende Bedeutung beimisst, indem er sie mit der physikalischen Feldtheorie und den Wechselwirkungen des elektromagnetischen Feldes in leeren Räumen in Zusammenhang bringt. (Physikalische Feldtheorien bilden den mathematischen Unterbau zur Beschreibung physikalischer  Effekte, die durch Kräfte und Wechselwirkungen hervorgerufen werden)  
Bereits 1929 schreibt Whitehead in seinem Hauptwerk Prozess und Realität den bislang kaum beachteten Satz:  „Das Leben liegt in den Zwischenräumen jeder lebenden Zelle und in den Zwischenräumen des Gehirns verborgen“(1), und er meint das nicht metaphorisch, sondern wirklich. 
     
Whitehead sieht die einzelne lebende Zelle als ein komplexes physikalisches Feld, das durch Moleküle, Atome und Elektronen besetzt ist. Zwischen den besetzten Raum-Zeit-Stellen befinden sich leere Räume voller virtueller Energie; denn  leer bedeutet nur: frei von Elektronen, Protonen oder irgendeiner Form elektrischer Ladung. Damit die virtuellen Energieströme in dem physikalischen Feld des leeren Raumes zu wirklichen Geschehnissen werden können, bedarf es der  Einflüsse angrenzender besetzter Räume (Moleküle, Atome, Elektronen), denn physikalische Felder werden erst verständlich durch die Einflüsse, die auf sie wirken. Je nach  Resonanz und Einflüssen aus der Umgebung also gehen die virtuellen Energieströme in einen spontanen Konkretisierungsprozess ein oder nicht. Das Leben wirkt dabei wie ein Katalysator; es wird zu  einem Charakteristikum des leeren Raumes mit der kreativen Funktion, Neuheit zu erzeugen; aus Potenzialität Wirklichkeit entstehen zu lassen. In den Zwischenräumen finden die eigentlichen  Prozesse des Lebens statt - so Whitehead.  Kühne Gedanken. 

  Kühnheit ist bei der Erforschung von Zwischenräumen in der Tat erforderlich - darauf  machen auch Albert Einstein und Leopold Infeld in ihrem Buch Die Evolution der Physik aufmerksam; sie betonen darin:  angesichts der Erkenntnisse der modernen Physik, in der es nicht mehr um das Verhalten von Körpern gehe, sondern um das zwischen ihnen Liegende, bedürfe es großer gedanklicher Kühnheit anzuerkennen, dass „das Verhalten des Feldes (im Dazwischen, M.R.) für die Ordnung und das Verständnis der Vorgänge  maßgebend sein könnte“.(2)    An Kühnheit scheint es im tendenziell positivistischen Wissenschaftsbetrieb eher zu mangeln. Was genau in den leeren Zwischenräumen lebender Organismen geschieht, ist noch immer weitgehend unerforscht. Nur zögerlich werden Vakuumstrukturen in ihrer grundlegenden biologischen Bedeutung überhaupt gesehen und als eigentliche Basis für die interdisziplinäre Forschung der Biophysik anerkannt...
...
...

Der Mensch ist ein Zwischenwesen...





Bele Weitzmann
Begegnung, Acrylgemälde, Amsterdam, 1987*

...
So bleiben die Zwischenräume weitgehend Rätsel und Geheimnis. Der Biologe und  Hirnforscher Gerhard Roth räumt ein, dass man zwar schon „ziemlich gut die Vorgänge auf der zellulären und molekularen Ebene“ der aktiven Gehirnzentren verstünde, dass „das größte Rätsel (ist) aber das Geschehen dazwischen“ sei.(3) Für den Hirnforscher Antonio Damasio liegt das „Geheimnis“ des Bewusstseins in der Interaktion neuronaler und chemischer Signale, die sich zwischen den Zellen und den Hirnregionen abspielen.(4) Auch wenn der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux provokant konstatiert : „Wir sind unsere Synapsen“, was soviel heißt wie: „Wir sind Zwischenräume“, denn die Synapsen sind die Zwischenräume zwischen den Hirnzellen, durch die diese Zellen kommunizieren: wissen wir noch lange nicht, was genau in den Synapsen geschieht, damit wir uns als Selbst empfinden können. Das Rätsel bleibt also.(5)
 
                       Zwischenräume - mehr als nur Metapher... 
 
Sandra Kühnapfel
Ohne Titel oder Zwischenräume, Foto 2008, Oslo*
                                  
Als Metapher sind die Zwischenräume längst im XXI. Jahrhundert angekommen; sie sind geradezu zur Signatur unserer Zeit geworden. Das Hybride, Interferierende, Intermediäre findet sich in den verschiedensten Kulturbereichen. Zwischenräume stehen für Vages, Verschwommenes, Grenzüberschreitendes, Entgrenzendes ebenso wie für Unergründliches, Unbekanntes, Unheimliches, Verführerisches, Ansteckendes, Gefährliches - gemäß Bernhard Dotzler und Henning Schmidgen, Humboldt Universität Berlin.(6)  Jugendliche nutzen die neuen digitalen Zwischenwelten als Anreiz für ihre schrill-schillernden, kontrastierenden Moderichtungen, Stile und Lebensentwürfe, „um sich selbst zu inszenieren, um das eigene Ich zu dehnen", schreibt Michael Meier in seinem Buch Neue Menschen.(7)  Zwischenräume sind die allgemein erklärten    kreativen Freiräume „für neue Ideen und Bedeutungen in den Künsten, in der Architektur, Literatur, Musik, Film, Tanz ebenso wie in Psychotherapie und der spirituellen Lebensberatung“, sagen Dariusz Radtke und Hagen Schulz-Forberg, Forum 46.(8)
 
    Die 'Zwischenräume' - Anlass für das Zusammentreffen hier in Dortmund - stehen als Metapher für Wandel und Übergang. Zwischenräumlich gesehen sind die Zwischenräume mehr als Metapher; sie stehen nicht bloß für Wandel und Übergang: sie sind die wirklichen Ereignisräume, in denen Wandel und Übergang sich überhaupt vollziehen können.





 Teil II

'Zwischenräumlich' denken und (er)leben 

(gekürzte Fassung) 

                                                  

Als ich 1993 die Zwischenräume bei A. N. Whitehead (1, Lit. unten) als konkrete „Wirk-Räume“ entdeckte und  diesen Gedanken literarisch umzusetzen versuchte, fühlte ich mich noch ziemlich allein mit diesen Zwischenräumen. Kein Mensch interessierte sich dafür. Wie sich später herausstellte, war ich gar nicht so allein: kurz  zuvor hatte der Suhrkampverlag ein Büchlein herausgegeben mit dem Titel: Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen:  ein Zitat von Peter Handke im Gespräch mit Herbert Gamper.(9)
Handke sieht die Zwischenräume auch als Metapher und Ausgangssituation für den kreativen Akt, lässt aber darüber hinaus etwas Zwischenräumlich - Wirkliches in ihnen anklingen.  Er spricht von der inspirierenden anfänglichen Leere, einer fruchtbaren Leere, und von einer Schwingung in dieser Leere, die das Erzählen überhaupt erst möglich machen.  Die Zwischenräume erscheinen als eine Art 'Wert-Vakuum'; ein Auftun der Leere z.B.  inmitten von Menschenmassen; seltsam leere Räume, aus denen erst seine Gestalten entstehen; und Handke betont, dass kein größerer Moment an Zuneigung vorstellbar sei als in diesem Aufsteigen der Leere. (Auf S. 129 f beschreibt er diese Empfindung auf dem Markusplatz in Venedig).


Und wir? Was machen wir mit den Zwischenräumen? Wir benötigen auch Kühnheit, wenn wir die Zwischenräume ernst nehmen und uns in sie hineinbegeben wollen. Die Vorstellung, dass das dazwischen- sich- Ereignende wichtig, wesentlich sein soll, ist uns eher fremd.
Wie wir denken, so leben wir. Wir sind gewohnt, „dinghaft“ zu denken, realistisch eben (res, lat. - das Ding, die Sache);  wir definieren Realität  selbstverständlich als etwas, was wir an festen, eindeutig lokalisierbaren, quantifizierbaren Körpern, Dingen, Entitäten vorfinden und richten unser Leben darin ein. Die grundlegende Subjekt-Objekt-Struktur unserer Sprache, die unser ganzes Denken prägt, legt eine solche Vorstellung nahe:
Der Satz „Ich sehe den Baum“ drückt von vornherein eine statische einseitige Beziehung zwischen  mir und dem Baum aus: Ich als aktives, sehendes Subjekt  stehe dem Baum als einem rein passiven Objekt getrennt, unabhängig, distanziert  gegenüber. Er ist für mich  eine Sache, die weiter nichts mit mir zu tun hat, die ich höchstens für meine Zwecke gebrauchen kann.
Zwischenräumlich gesehen jedoch, wird aus der statischen Subjekt-Objekt-Beziehung ein dynamischer symmetrischer Wirkzusammenhang zwischen mir und dem Baum. Der Baum bleibt nicht passives Objekt, sondern bietet sich aktivisch meinem Blick dar, zeigt sich mir in seiner ganzen Fülle;  er sendet seine spezifischen Signale aus, die auf meinen Wahrnehmungsapparat wirken und wesentlich dazu beitragen, dass und wie ich ihn wahrnehme; und diese Wahrnehmung hinterlässt Spuren in meinem System, verändert mich. Was sich zwischen mir und dem Baum an diesem Ort, in diesem Augenblick  vollzieht, ist ein Stück Wirklichkeit, verwoben, eingebunden in ein grenzenloses Netz von unzähligen anderen gleichzeitigen Geschehnissen in nächster Nähe und weitester Entfernung: da ist der warme Lichteinfall  der Sonne, das Summen der Insekten, das Duften der Blüten, die Nähe eines Waldes, Autobahngeräusche  im Hintergrund, aufkommende Wolken, der sich verdunkelnde  Himmel usw.: Schwingungen, Wellen, Frequenzen, Energie-Strömungen vielfältigster Art hüllen mich und den Baum ein, nehmen uns hinein in einen umfassenden Wirk-Zusammenhang, in dem ich als Subjekt  nicht mehr die Hauptrolle spiele.

Wirklichkeit wirkt, bewirkt, zeigt Wirkung, vollzieht sich im Dazwischen,  zwischen den Dingen, zwischen mir und den Dingen, zwischen mir und den anderen, zwischen mir und der Welt. Wir haben  verlernt, das unsichtbare Geschehen im Dazwischen wahrzunehmen; es als Wirklichkeit anzunehmen, zuzulassen, anzuerkennen oder gar in dieser Wirklichkeit zu leben;  sind daran gewöhnt, die Welt statisch- „dinghaft“ zu betrachten, realistisch eben; wir  funktionieren, müssen funktionieren; müssen das Leben  bewältigen, jeden Tag neu.  Wir hetzen von Termin zu Termin, von Verpflichtung zu Verpflichtung, die Tyrannei eines gleichgültig vorrückenden Uhrzeigers im Nacken. Das Zeitfenster für Freiräume wird immer enger; haben wir frei, geht es wie am Schnürchen weiter; wir wollen schließlich soviel wie möglich (er)leben und  jagen von event zu event, vom Fitness zum  Brunch, von date zu date. Bis wir irgendwann nicht mehr können. Der Zusammenhang ist verloren gegangen, manchmal auch der Sinn. Wir spüren uns und den anderen schon lange nicht mehr, haben kaum noch Kraft zum Atmen. Das Leben hat seinen Geschmack verloren, erscheint plötzlich fade. Dann möchten wir das Rad anhalten, den mechanischen Ablauf der Dinge stoppen, unterbrechen;  möchten eintauchen in den gegenwärtigen Augenblick, der immerzu vor uns wie nichts zerrinnt:; möchten  für eine Weile darin verharren; uns, den anderen, das Leben wieder richtig spüren, schmecken, wie einst als Kind, als wir das noch konnten.

Das Kind lebt noch ganz in der Unmittelbarkeit des Dazwischen, in dem intensiven Jetzt der Wirklichkeit; weiß  nichts mit dem bloßen Ablauf der Dinge anzufangen. Es schafft sich seine eigene Welt, in die es eintaucht; der Kleine trödelt, sagen wir, dabei ist er versunken in das, was ihn in diesem Augenblick zutiefst berührt. Ein deutsch-polnischer Freund erinnert sich an eine Art Zwischenraum-Erlebnis in seiner Kindheit:
   „Als kleiner Junge musste ich manchmal ein paar Kilometer in Dunkelheit zurück nach Hause kommen. Häufig hielt ich auf dem Weg an und lauschte... Ich fühlte mich gut eben in den Augenblicken, wo ich stand und innehielt und mich selbst vergaß... Alles wurde auf einmal so deutlich, und es war da, nur mich hat es nicht gegeben...“
   „Nur mich hat es nicht gegeben“: zwischenräumliches  Erleben hat passivischen Charakter; das Ich tritt in den Hintergrund, lässt los, lässt sich ein, wird empfänglich, porös, öffnet sich für das, was mit ihm und um es herum geschieht; es nimmt wahr, empfindet, fühlt sein wirkliches Dasein im viel zitierten Hier und Jetzt: nicht abgehoben meditativ-geistig, sondern geerdet sinnenhaft-leiblich.
Zwischenräumliches Erleben ist die Vergegenwärtigung meines Daseins an diesem Ort, in diesem gedehnten Augenblick wirklicher Dauer. Ich spüre mein Dasein in der wirklichen Gegenwart. Ja, die Zeit ist wirklich: nicht nur subjektiv gefühlt, sondern wirklich.  Eine Aussage, die nicht originell oder gar einleuchtend erscheinen mag, deren Bewusstmachung jedoch von Bedeutung für unser Leben, unsere Erlebensfähigkeit sein kann. Das  Zeit-Problem kann hier nur angedeutet werden. Es erscheint mir allerdings höchste Zeit, dass wir der Zeit und unserem  (Er)Leben in ihr mehr Aufmerksamkeit widmen:

Zeit ist für uns selbstverständlich und gewohntermaßen die lineare, homogen ablaufendende Zeit, die uns die Uhren diktieren. Die vermeintlich gemessene Zeit ist jedoch reine Abstraktion und bezieht sich auf etwas, was es so gar nicht gibt. Die mathematisch-physikalische  Zeit ist in keinem aktuellen Punkt einer scheinbaren Gegenwart je wirklich vorhanden. Das erdrückende lähmende Gefühl angesichts des linearen, undifferenzierten Zeitablaufs, das uns manchmal überkomme, sei das Resultat einer zutiefst verinnerlichten, anerzogenen  Abstraktion, sagt Spyridon Koutroufinis.(12)   
Manchmal spüren wir die wirkliche Zeit noch, wenn wir aus dem routinierten Tagesablauf heraustreten: im Urlaub, auf dem Lande, in der Natur: dann bemerken wir plötzlich, dass die Zeit sich verdichtet, die Stunden voller sind, unser Erleben intensiver als sonst... kein Wunder: wir sind näher an der Wirklichkeit dran; mehr im wirklichen Geschehen der Natur und können die wirkliche, sich ereignende Zeit  spüren: gedehnte Augenblicke, heterogene Zeittropfen, die sich überlappen, miteinander verschmelzen, sich durchdringen... Die Natur ist nicht in der Zeit, sondern die Zeit ist in der Natur. Wirkliche Zeit vollzieht sich im wirklichen Geschehen  in den Zwischenräumen...
                                                                               
Es macht einen Unterschied, wie wir die Welt denken: „dinghaft“- statisch als einen lückenlosen, mechanischen Ablauf oder „zwischenräumlich“- dynamisch als lebendige Wirklichkeit, die sich im Dazwischen vollzieht, Veränderung zulässt, zur Zukunft hin offen ist und neue Freiräume und Möglichkeiten  bereithält.  Zwei unterschiedliche Sichtweisen, die unser (Er)Leben prägen, letztlich aber zusammengehören: ein ausgewogenes Leben wird davon abhängen, inwieweit wir die Balance zwischen beiden herzustellen vermögen. In den Lücken zwischen den bloßen Abläufen der Dinge wartet eine intensive sich ereignende Wirklichkeit voller Überraschungen, die es immer neu zu entdecken gilt. 

Seien wir kühn: treten wir  heraus aus dem routinierten Ablauf unseres Lebens; schaffen wir uns Freiräume im mechanischen Getriebe der Realitäten; begeben wir uns hinein in die Zwischenräume: in die verborgenen abenteuerlichen Schauplätze der Wirklichkeit!


Maria Reinecke
Berlin, im Januar 2012


* Text und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt



Literaturhinweis / Literature

(1)    Alfred N. Whitehead, Prozess und Realität, stw 690, Frankfurt a. M. 1987
(2)    Albert Einstein und Leopold Infeld, Die Evolution der Physik, Rowohlt 1987
(3)    Gerhard Roth, Aus Sicht des Gehirns, Suhrkamp 2003
(4)    Antonio Damasio, Descartes' Irrtum, Berlin 2006
(5)    Joseph LeDoux, Das Netz der Persönlichkeit, Patmos, 2003
(6)    Bernhard J. Dotzler und Henning Schmidgen, Parasiten und Sirenen - Zwischenräume als Orte 
         der materiellen Wissensproduktion, Bielefeld 2008
(7)     Michael Meier,  Neue Menschen, Edition Patrick Frey 2011
(8)     Dariusz Radtke und Hagen Schulz-Forberg, Forum 46, Zwischenräume II - Text zum 
         Interdisziplinären Salon für Europa, Berlin 2007
(9)     Peter Handke im Gespräch mit Herbert Gamper, Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen,
          Suhrkamp 1990
(10)   Maria Reinecke, Das Leben liegt in den Zwischenräumen, Roman, Aachen 2006
(11)   Ernst Mach,  Analyse der Empfindungen, 1886
(12)   Spyridon Koutroufinis, Über die Affinität der Zeitphilosophie Henri Bergsons zum  
          Ammonschen Verständnis von Zeiterleben, Arbeitsskript (Datum fehlt)  TU Berlin
(13)   Maria Reinecke, La Rambla - Barcelona Story, Berlin 2009



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